Hintergrundwissen

Zentrale Begriffe
 

Bei meinem Besuch im Sepulkralmuseum in Kassel sind mir Tafeln aufgefallen, die zentrale Begriffe wie Jenseits, Todesstunde, Sterben, Bestatten und Trauern behandeln und erläutern. Diese Texte sind hier identisch wiedergeben und sollen Sie zum einem dazu auffordern, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen und zum andern, das Museum selbst zu besuchen.

Zentrale Begriffe

 

Jenseits 

Die Gewissheit des Todes hat die Menschen
zu allen Zeiten herausgefordert, danach zu fragen,
was sich hinter der Schwelle des Todes verbirgt. 

Die Beantwortung dieser Frage
ist eine Hauptaufgabe der Religion.
Kern der religiösen Hoffnung sind die Vorstellungen
von einem Leben nach dem Tode
mit teilweise sehr konkreten Anschauungen.
Heute sind die Jenseitsvorstellungen – wenn √ľberhaupt
vorhanden Рeher unpräzise.
Sie reichen vom sehr diffusen Glauben
an ein Weiterleben im Jenseits
bis zum Glauben an die Wiedergeburt. 

Die kirchliche Verk√ľndigung vermeidet heute
realistische Bilder vom Jenseits,
denn die christliche Auferstehungsforschung
orientiert sich an der nach menschlichen Maßstäben
unvorstellbaren Erneuerung der gesamten Schöpfung.
 

Todesstunde 

In der Todesstunde trennen sich Leib und Seele,
und es muss alles daf√ľr getan werden, dass sie Seele
frei entschweben kann (Fenster werden geöffnet,
Dachziegel abgenommen) und der Leib (Leichnam)
versorgt wird. Außerdem werden in der Todesstunde
die Uhren angehalten und das Herdfeuer gelöscht.
Beides setzt erst der Erbe nach der Beerdigung
wieder in Gang. Die Spiegel werden abgehängt,
damit die Seele nicht verirrt. 

Es beginnt die  Leichenpflege, das Waschen, Rasieren
und Kämmen des Toten, die Nägel werden geschnitten;
Gegenstände, die man dabei verwendet, werden unrein.
Die Totenwaschsch√ľssel wird zerschlagen
oder durch ein Loch im Boden unbrauchbar gemacht.
Kamm, Rasier- und Waschzeug und Schere werden
später in den Sarg gelegt.
Anschließend wird der Tote aufgebahrt (häufig auf Stroh),
mit Aufkommen der Fotografie auch ein Totenportrait aufgenommen. 

Dann muss der Tod bekannt gegeben werden,
nach außen durch das Läuten der Totenglocke,
durch den Leichenbitter oder die Todesanzeige,
nach innen durch das sogenannte Todansagen
an jegliche Kreatur und die ganze Hinterlassenschaft des Toten.
Die Tiere im Stall , die Hennen auf dem Hof und
die Bienen in den K√∂rben m√ľssen aufgeschreckt,
die Pflanzen verr√ľckt und alle verderbliche Ware
wie Mehl oder Heu soll gewendet werden, sonst verdirbt alles. 

Au√üerdem muss man sich um den Sarg k√ľmmern,
eine Grabstelle erwerben und das √Ėffnen des Grabes veranlassen.
Seit der allgemeinen Einf√ľhrung des Sarges im Laufe
des 19. Jahrhunderts versuchte man ihn, teils durch billige Attrappen
(Pappsargbeschläge) oder kunstvolle Handhaben (Griffe) aufzuwerten.
Daran ist auch die Industrialisierung der Bestattung abzulesen,
die erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend
vom Bestatter organisiert und durchgef√ľhrt wird.
 

Sterben 

Was ist der Tod?
Ist der Tod ein biologisches Ereignis
oder ein pers√∂nliches Gegen√ľber,
gar der große Gegenspieler Gottes?
Die √Ąrzte konstatieren mit komplizierten
Apparaturen Herz- oder Hirntod,
ohne seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Wiederbelebte Menschen behaupten,
den Tod als eine Art Röhre mit einem hellen Licht
am Ende des Tunnels erlebt zu haben.
Aber der Tod bleibt ein R√§tsel. 

Sterben kann der Schlusspunkt eines erf√ľllten Lebens sein;
in der Begrenztheit des Lebens liegt auch sein Sinn,
denn grundsätzlich ist keine Entscheidung,
keine biografische Station ist wiederholbar.
Von daher begr√ľndet sich das Grundrecht
des Menschen auf Leben.
Der Tod wird so zu einem sinnstiftenden Ereignis. 

Im Zeitalter der Massenmedien dringt vor allem
der durch Ungl√ľck, Krieg, Katastrophen und Krankheit
verursachte Tod ins Bewusstsein.
Das ganz normale, nat√ľrliche Sterben und
das Sterbezimmer als letzter Ort tragender
Gemeinschaft sind selten geworden.
 

Bestatten 

Der Mensch bestattet seine Toten;
er tut dies auch aus hygienischen Gr√ľnden,
er vollzieht die Bestattung aber auch als
Abschieds- und √úbergangsritual,
um die L√ľcke zu schlie√üen,
die der Verstorbene hinterl√§sst. 

Fr√ľher diente das kirchliche Begr√§bnis auch dem Ziel,
die Seele des Verstorbenen f√ľr Gottes Reich zu bewahren.
In der heutigen, s√§kularisierten f√ľhrt der Verlust
christlich motivierter Handlungen bei der Beerdigung
auch zum Verfall psychologisch wichtiger Rituale. 

Mit dem Eintritt des Todes begannen die Vorbereitungen
f√ľr das Begr√§bnis.
Der Tote wurde gewaschen, angekleidet und aufgebahrt.

Am Anfang der eigentlichen Bestattung stand
die Veröffentlichung des Todes,
der Leichenbitter machte den Tod bekannt:
er wurde von der gedruckten Todesanzeige abgel√∂st. 

Der Sarg war fr√ľher ein Privileg der Oberschicht,
die ihn zur Repr√§sentation und zur Verk√ľndigung
ihrer christlichen Hoffnung pr√§chtig schm√ľckte.
Die hölzernen Särge aus Trendelburg (Nordhessen)
aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind bunt mit Wappen und
Verg√§nglichkeitssymbolen bemalt. 

F√ľr alle Schichten √ľblich wurde der Sarg jedoch
erst mit dem Aufkommen der Leichenhäuser im 19. Jahrhundert.
 

Trauern 

Mit Trauer reagiert der Mensch auf den Verlust
eines ihm nahestehenden Menschen,
Trauer ist ein Prozess.
Innerhalb eines gewissen Zeitraumes (‚ÄěTrauerjahr“)
durchläuft ein Hinterbliebener mehrere Phasen,
in denen er – teils emotionslos, teils zustimmend,
teils aggressiv – den Verlust verarbeitet (Trauerarbeit),
um schlie√ülich wieder uneingeschr√§nkt am Leben teilzunehmen. 

Trauerkleidung und Trauerschmuck waren einst selbstverständlich,
werden heute aber nur noch vereinzelt und kurzfristig getragen.
Sie erf√ľllten eine Schutzfunktion f√ľr den Trauerenden,
den sie als nicht voll belastbar auswiesen.
Heute stehen dem nächsten Angehörigen
bei einem Todesfall allenfalls zwei arbeitsfreie Tage zu,
dann wird von ihm wieder volle Leistungsf√§higkeit erwartet. 

Schwarz als Trauerfarbe in unserem Kulturkreis beruht
auf der ebenfalls schwarzen Festtagstracht vergangener Zeiten;
in anderen Kulturen hingegen ist Weiß die Trauerfarbe
(z.B. in Indien oder China). 

Trauer ist keine Krankheit, kann aber im Einzelfall krank machen.
Aus den Ritualen unserer Vorfahren können wir lernen,
dass eine gelungene Trauerarbeit mit dem
√∂ffentlichen Bekennen und Aussprechen des Verlustes beginnt. 

Heute ist das Trauern in der √Ėffentlichkeit verp√∂nt,
der Schmerz √ľber den Verlust wird verinnerlicht.
Deshalb m√ľssen immer h√§ufiger Psychologen,
Therapeuten und Selbsthilfegruppen bei krankhaft
verlaufenden Trauerprozessen helfen.